Ganz köstlich geplappert


Das "kleine theater" mit großem Wurf Silbensalat und Wortakrobatik in der Dada-Collage



Von Ingeborg Schwenke-Runkel
Da, da ist was los auf der Erholungshausbühne. Wörter schlagen Purzelbaum, Buchstaben drehen Pirouetten, Sätze tanzen auf dem Seil. Dada ist los, Dada schlägt zu.
Das "kleine theater", die Bayer Werkbühne, ist mit einem Riesenaufwand und offenbar noch mehr Spaß in ein Projekt eingestiegen, das sich so schnell nicht bei professionellen Bühnen findet. Sprechen - sowieso - tanzen - wieso nicht? - singen - auch das noch! - das alles müssen die Frauen und Männer, die das Spielen auf den Brettern aus Leidenschaft betreiben, ohne den Zwang im Nacken zu spüren, mit ihrer Vorliebe auch noch Geld zu verdienen.
Da, da hat Jens Scholkmann, der Regisseur, einen Superwurf getan. Was "Dada" eigentlich ist und wer es nach über drei Stunden Theater immer noch nicht weiß, dem ist nicht mehr zu helfen. In dicken Lettern ringeln sich die Bekenntnisse eines Hans Arp, Hugo Ball oder Kurt Schwitters an den Emporen im Erholungshaus-Saal entlang. Im Foyer schon machen Text-Tafeln die Zuschauer mit den Theorien der Dadaisten aus den 20er Jahren bekannt. "Dada wendet sich gegen jede Art von Ideologie - Dada ist die Faust aufs Auge."
Da, da bleibt die Spucke weg, bei so viel Witz und Ideenreichtum kurze Textschnipsel zu gestalten, Dialoge aufzugliedern, Gedanken vorzutragen. Die Bühne hilft dabei (Entwurf: Günter Kupfer), wie ein Baukasten ist sie gestaltet. Hier öffnen sich Klappen, dort versteckt sich ein Guckloch, im Winkel steht eine Drehtüre. Und immer sind die Symbole und Zeichen der Dadaisten dabei, Dreiecke, Kreise, Vierecke. Die Wand ist bekritzelt mit Formeln, die alle so tun, als ergäben sie einen Sinn. Welch sinnloses Tun, nach dem Sinn zu forschen!
Da, da wird auf die Pauke gehauen, mit der Ratsche Krach geschlagen, mal schräg, mal schön trompetet und zwichendurch getanzt - kess und kühn und mit viel Bein. Eine "dadaistische Collage" hat Scholkmann diese Revue der Skurrilitäten genannt (Titel: "Oh Du, geliebte meiner 27 Sinne"). Da ist was dran, obwohl sich mehrere rote Fäden durch das Dreieinhalbstunden-Programm schlängeln und das Gedanken-Chaos ordnen. Bestimmte Formulierungen kehren immer wieder. Beispiel: "Mein Leben ist ein richtiger Roman."
Da, da ist Musik drin. Nicht nur in den Lautgedichten. Von Zarah Leander über Luciano Pavarotti bis Paolo Conte tönen die Schmeichelmelodien. Allerdings: Die Schauspieler merken auch wie schwierig es ist, Playback "mundtreu" nachzuahmen. Mühelos kommen ihnen jedoch der Silbensalat und die Wortakrobatik über die Lippen. Je sinnloser der Text, umso begeisterter der Ausdruck darin. Damit das Ganze nicht in platte Albernheit abrutscht, hat Scholkmann Ernst für die Sprechlust vorgeschrieben.
Da, da steckt Können drin. Auch bei der Souffleuse. Die sitzt gemütlich im Plüschohrensessel, die Beine hochgelegt und liest mit. "Sie plappern köstlich", kann sie mit Hugo Ball sagen. Das Publikum wird ihr nicht widersprechen.
Neben der Premiere sind drei weitere Vorstellungen vorgesehen, in denen das Tempo sicher noch anziehen wird: Freitag, 14. Mai, Samstag, 15. Mai, und Sonntag, 16. Mai, jeweils um 20 Uhr im Erholungshaus. Ein pfiffig gestaltetes Programm gibt's auch.
Von: Kölner Stadt-Anzeiger, 14. Mai 1993, Seite LE/WU 14.